BNE & Demokratiebildung – gemeinsam Schule gestalten
Nachhaltigkeit ist keine Mode. Sie ist auch keine Meinung.
Nachhaltigkeit ist eine Frage von Gerechtigkeit, Verantwortung und Zukunftsfähigkeit – und damit zentralen demokratischen Aushandlungsprozessen. Und als solche muss sie in Schule prozessoral gestaltet und strukturell verankert werden.
Montag war es endlich so weit: Die digitale Vortragsreihe „BNE als Ansatz systemischer Schulentwicklung“ – im Auftrag des Fachbereichs 42 für berufsbegleitende Qualifizierung von Leitungspersonal des NLQ durchgeführt – öffnete zum 3. Mal ihre Türen.
Zu Gast war Prof. Dr. Mandy Singer-Brodowski, die als Professorin für Bildung für nachhaltige Entwicklung an der Universität Regensburg forscht. Ihre Forschungsschwerpunkte sind die BNE-Implementierung und transformative Lernprozesse, wodurch ihre Perspektive Leitungsteams hilft, BNE als Organisationsaufgabe jenseits einzelner Projekte zu verankern.
Unter dem Titel „BNE & Demokratiebildung – gemeinsam Schule gestalten“ befassten sich 60 Teilnehmende verschiedener Schulformen über zwei Stunden in einem interaktiven Setting entlang von drei Impulsen der Dozentin mit der Schnittstelle von BNE und Demokratiebildung als Aufgabe der Leitungsebene.
Nachhaltigkeit als Haltung und demokratische Frage verstehen
Der erste Impuls betonte, dass Nachhaltigkeit kein modisches Extra, sondern eine Antwort auf ökologische Kipppunkte mit realen Rückkopplungseffekten ist. Sie wird zur Gerechtigkeitsfrage, weil ausgerechnet die, die am wenigsten verursachen, am stärksten leiden.
Bildung für nachhaltige Entwicklung zielt allerdings nicht auf moralische Appelle, sondern auf Selbstwirksamkeit: Lernende sollen erfahren, „dass sie einen Unterschied machen können“ – auch im Kleinen.
Einen Schlüsselmoment dafür bietet Demokratiebildung. Im Sinne John Deweys als Lebensform verstanden ist Demokratie „nie fertig“, sondern eine kontinuierliche Erneuerungsbewegung, die im gemeinsamen Aushandeln entsteht.
In diesem Kontext wird in der Schule oft von einem Neutralitätsgebot gesprochen, das in der Regel in einem Atemzug mit dem vermeintlichen Ort seiner Verankerung erwähnt wird: dem Beutelsbacher Konsens. Doch der will tatsächlich etwas ganz anderes – denn das Überwältigungsverbot ist nur eines von drei Prinzipien.
Der Beutelsbacher Konsens fordert:
- Kontroversität in der Schule
- die Förderung (politisch-demokratischer) Selbstwirksamkeit
Und schon befinden wir uns exakt an der Schnittstelle von BNE und Demokratiebildung.
Die konsensuelle Schnittstelle von BNE & Demokratiebildung
Warum ist das so? Schauen wir genauer hin – genau darum ging es im zweiten Impuls.
Der zentrale Gedanke des Konsenses ist: Kinder und Jugendliche müssen vor Überwältigung und Indoktrination geschützt werden – deshalb steht das Überwältigungsverbot an erster Stelle. Und sie sollen lernen, sich in kontroversen Debatten vor Überwältigung und Indoktrination zu schützen.
Denn Demokratie lebt nicht von erzwungener Harmonie, sondern von Streit – von begründetem Streit. Von der Fähigkeit, unterschiedliche Perspektiven zu prüfen, Argumente zu wägen und eigene Positionen zu entwickeln.
All das gilt es im geschützten Raum der Schule mit Unterstützung durch die Lehrenden und die schulischen Strukturen zu erproben, bevor Konflikte auf gesellschaftlich wirksamen größeren Bühnen ausgetragen werden. Genau darauf zielen das zweite Prinzip (Kontroversitätsgebot) und das dritte Prinzip (Mündigkeit und Beteiligungskompetenz) des Beutelsbacher Konsenses ab.
Mit Blick auf Nachhaltigkeit bedeutet das:
> Nachhaltiges Handeln ist demokratisch, weil es Entscheidungen öffentlich begründet und kollektiv verantwortet.
Was bedeutet das jetzt für Schulen?
Wenn Unterricht nur eine Perspektive darstellt, wird diese einfach übernommen. Lernende werden um die Gelegenheit gebracht, jene für demokratische Partizipation zentrale kritische Urteilskompetenz zu entwickeln – und diese Kompetenz ist in der Digitalität und in Zeiten von Deep Fakes bedeutsamer denn je.
Kontroversität ist deshalb kein Selbstzweck. Sie ist:
- Bedingung für Urteilsbildung
- Bedingung für die Befähigung zur demokratischen Teilhabe
- Teil des Bildungsbeitrags jedes einzelnen Faches
Und genau hier kommen strukturelle Fragen auf.
Vom Fachdiskurs zur organisationalen Frage
Wenn Urteilsbildung und Beteiligungskompetenz Bildungsauftrag jedes Faches sind, dann betrifft das nicht nur Politik oder Gesellschaftslehre. Dann betrifft es:
- Mathematik genauso wie Deutsch
- Biologie genauso wie Kunst
- Informatik genauso wie Sport
Nachhaltigkeit ist kein „Thema“, das man delegieren kann.
Sie ist eine Perspektive, die fachliche Inhalte rahmt – und eine Haltung, die schulisches Handeln prägt.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht:
> Welches Fach macht BNE?
Sondern:
> Wie wird daraus eine gemeinsame Entwicklungsbewegung der Schule?
Im dritten Impuls rückte Mandy Singer-Brodowski genau diese Ebene in den Fokus: den Whole Institution Approach.
BNE entfaltet ihre Wirkung nicht additiv – sondern strukturell.
Nicht als Projektwoche.
Nicht als einzelne AG.
Nicht als Engagement einer besonders motivierten Fachschaft.
Sondern als Schulentwicklungsaufgabe.
Dort, wo Nachhaltigkeit im Leitbild verankert ist, wo Partizipation systematisch ermöglicht wird, wo Kooperationen entstehen und wo Leitung diesen Prozess sichtbar unterstützt, steigt die wahrgenommene Selbstwirksamkeit aller Beteiligten deutlich.
Und damit wird klar:
Nachhaltigkeit berührt politische Entscheidungsfragen – besonders dort, wo Schule Lern- und Erfahrungsräume demokratischer Aushandlung eröffnet.
Nicht parteipolitisch.
Sondern im Sinne von Gestaltungsverantwortung.
Nachhaltiges Handeln ist demokratisch, weil es Entscheidungen öffentlich begründet und kollektiv verantwortet – unter Berücksichtigung der Interessen aller Betroffenen, auch zukünftiger Generationen. Genau deshalb können BNE und Demokratiebildung nicht getrennt gedacht werden.
Doch systematische Schulentwicklung bleibt nicht abstrakt.
Sie beginnt nicht nur im Leitbild.
Sie zeigt sich auch im Kleinen:
- im Unterricht
- in der Frage, wie kontroverse Themen gerahmt werden
- in der Bereitschaft, Zielkonflikte nicht vorschnell aufzulösen
Für Leitungsteams bedeutet das konkret:
- Strukturen für Beteiligung schaffen
- Zielkonflikte sichtbar machen
- Entscheidungsprozesse transparent gestalten
- die professionelle Rolle klar reflektieren
Nachhaltigkeit ist ein Prozess
Im digitalen Vortrag von Prof. Dr. Mandy Singer-Brodowski wurde deutlich: BNE will nicht missionieren. Und Demokratiebildung heißt nicht, sich zurückzuhalten.
Beide fordern eine professionelle, kriteriengeleitete Rahmung gesellschaftlicher Kontroversen – eine Haltung, die weder indoktriniert noch relativiert, sondern demokratisch legitime und fachlich begründbare Perspektiven sichtbar und vor allem verhandelbar macht.
Nachhaltigkeit ist politisch – nicht im Sinne von Parteipolitik, sondern im Sinne demokratischer Mitgestaltung. Wenn Nachhaltigkeit politisch ist, verlangt sie Aushandlung. Und weil das so ist, kann sie in der Schule nicht als fertige Antwort vermittelt werden. Sie muss als Prozess gestaltet werden.
Schule muss zum demokratischen Erfahrungsraum avancieren.
Nicht als Projektwoche.
Sondern als immerwährende Aufgabe der Schulentwicklung.
Niedersachsens besonderer Gestaltungsspielraum
Studien zeigen: Schulleitungen wünschen sich einen Whole Institution Approach – aber Prüfungslogiken, Ressourcenmangel und Zeitdruck wirken entgegen.
Der niedersächsische BNE-Erlass erkennt das und eröffnet Gestaltungsspielräume: Nachhaltigkeit soll strukturell verankert werden – nicht additiv.
Einen besonderen Rahmen dazu bietet das im Erlass erwähnte Modellprojekt „Zukunftsschule“, das darauf abzielt, „Schulen bei der Entwicklung, Erprobung und Umsetzung innovativer Ansätze im Sinne des Erlasses zu unterstützen“.
Die Ausführungen zum Modellprojekt bringen es auf den Punkt:
> „BNE und Demokratiebildung stellen dabei wichtige Säulen der Schulentwicklungsprozesse dar.“
Gleiches gilt für den an das Modellprojekt anknüpfenden Freiräumeprozess.
Denn – mit Dewey gesprochen – Demokratie ist keine fertige Staatsform, sondern eine Lebensweise. Sie entsteht dort, wo Menschen gemeinsam Erfahrungen machen, Probleme untersuchen und Lösungen erproben. Schule ist für Dewey eine „miniature community“ – ein sozialer Erfahrungsraum, in dem demokratisches Handeln eingeübt wird.
Gerade deshalb ist Projektlernen, so Mandy Singer-Brodowski, eine besondere Chance. Es verschiebt den Fokus weg von reiner Leistungsreproduktion hin zu Erfahrung, Inquiry und Auseinandersetzung. Lernende untersuchen reale Fragen, wägen Perspektiven ab und übernehmen Verantwortung für ihre Entscheidungen.
Mit Blick auf die Diskurse rund um den Begriff der Nachhaltigkeit sei betont:
> Nachhaltigkeit demokratisch zu gestalten bedeutet nicht, junge Menschen zu Aktivist:innen zu erziehen. Es heißt, Verantwortung als gemeinsame Organisationsaufgabe zu begreifen.
Demokratie und Nachhaltigkeit – Schulentwicklung als wertegeleitetes Experiment gestalten
Die Deweys Demokratieverständnis inhärente experimentelle Haltung ist der entscheidende Punkt. Denn eine experimentelle Haltung bedeutet:
- nicht vorschnell zu urteilen
- Komplexität nicht zu reduzieren
- Widersprüche nicht zu glätten
Sondern:
- Perspektiven ernst zu nehmen
- Zielkonflikte auszuhalten
- eigene Annahmen zu überprüfen
- Urteile als vorläufig und überprüfbar zu verstehen
- die eigene Rolle, Handlungsmuster, Spielräume und Zielsetzungen kritisch zu reflektieren und im Austausch mit anderen weiterzuentwickeln
Und eine solche Haltung gilt es nicht nur auf Seiten der Lernenden zu fördern – sondern im Sinne des Erlasses und des Whole School Approach bei allen an Schule beteiligten Personen.
Und wenn es gelingt, diese experimentelle, fragende Haltung auf gesellschaftliche Gestaltungsprozesse zu übertragen, geschieht etwas Entscheidendes:
- Lernende erleben, dass Demokratie nicht nur erklärt, sondern praktiziert wird.
- Dass Nachhaltigkeit nicht verordnet, sondern verhandelt wird.
- Und dass „gutes Leben“ kein fertiges Konzept ist – sondern ein gemeinsamer Suchprozess.
Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Pointe:
> Nachhaltigkeit wird dort demokratisch,
> wo sie nicht als Antwort gelehrt,
> sondern als Aushandlung gelernt wird.
Die eigentliche Frage
Geht es um Bildung für nachhaltige Entwicklung
(im Sinne normativer Zielorientierung und Verhaltensimpulse)?
Oder um Bildung als nachhaltige Entwicklung
(im Sinne demokratischer Diskurs- und Gestaltungskompetenz)?
Diese Unterscheidung entscheidet darüber,
- ob Schule normativ eng bleibt
- oder demokratisch stark wird
Im Rahmen unserer Fortbildungsreihe
„Schule nachhaltig entwickeln – mit Haltung und System“
arbeiten Leitungsteams genau an dieser Schnittstelle.
Nicht moralisch.
Nicht parteipolitisch.
Sondern professionell.
Die eigene Rolle gestalten
Und jetzt interessiert uns Ihr Wirkungskreis:
> Wo ziehen Sie – in Ihrer Rolle – die Grenze zwischen notwendiger Haltung und offener Kontroversität?
Wenn Sie diese Frage bewegt, teilen Sie den Beitrag mit Kolleginnen und Kollegen, die sich zwischen Neutralitätsverständnis und demokratischer Verantwortung bewegen.
Auch wir als Bildungsberatung verstehen BNE und Demokratiebildung als strukturelle Aufgabe. Deshalb verankern wir unsere Formate bewusst im Rahmen der staatlichen Lehrer:innenbildung – und entwickeln sie kontinuierlich weiter, auf Grundlage konkreter Erfahrungen aus der Praxis.
In der Begleitung von Schulen erleben wir immer wieder:
> Strukturen öffnen sich dort, wo Entscheidungsräume entstehen und kollektive Selbstwirksamkeit erfahrbar wird.
Wenn Sie diesen Weg für Ihre Schule prüfen möchten, kommen Sie gern auf uns zu.
Mit dem neuen Monat begann am Montag, dem 03. November 2025, die BNE-Vortragsreihe, die MyGatekeeper für den FB 42 „Berufsbegleitende Qualifizierung“ des NLQ ausrichtet. Timo Holthoff, der hauptberuflich die ‚Teaching Change‘-Projekte zu BNE in der Lehrkräftebildung an der Leibniz-Universität Hannover koordiniert, eröffnete die Reihe mit einem interaktiven Vortrag.